Karl-Räder-Allee
Der Mundartdichter Karl Räder - ein Nationalsozialist oder nicht?
Karl Räder zählt zweifellos zu den populärsten Mundartdichtern der Pfalz. „Neben den großen Klassikern wie Nadler und Kobell, Richard Müller und Paul Münch, stehen Karl Räder, Helmut Metzger und Kurt Dehn dem Dürkheimer Herzen am nächsten,“ heißt es in der 1978 erschienenen Chronik von Bad Dürkheim. In seiner Laudatio zum 100. Geburtstag Räders sagte der damalige Bürgermeister Bernhard Mangold: „Seine Verse in pfälzischer Mundart zeugen von Liebe zum Volk, lassen Ernst und Spott, Trauer und Fröhlichkeit in überaus reichem Maße klingen. Er verstand es, seinen Landsleuten auf‘s Maul zu schauen und ihnen ihr Spiegelbild humorvoll entgegen zu halten.“ Aber was war da noch?
Kurz etwas zu Karl Räders Lebenslauf: Er wurde am 13. April 1870 in Bad Dürkheim als Sohn des Kaminkehrers Johannes Räder und seiner Frau Philippina geboren. Er hatte eine schwere Kindheit, verlor früh seine Eltern (mit 14 Jahren Vollwaise), kam nach dem Besuch der Volksschule auf die Lateinschule in Bad Dürkheim, die er nach 1 ½ Jahren abbrach, um eine Lehre in der Dürkheimer Gärtnerei Koch anzutreten. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als Gärtnergeselle in verschiedenen deutschen Städten. 1891 folgte eine fünfjährige Militärzeit beim 17. bayerischen Infanterie-Regiment. Dann war er zwei Jahre bei der Polizei tätig. 1896 heiratete er in Speyer die Germersheimer Gastwirtstochter Karolina Geißert. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor.
1898 trat Karl Räder - nach eigenen Angaben - als „Fabrikbeamter“ in den Dienst der BASF. Von 1914 bis 1931 war er als Schriftleiter der Werkszeitung der BASF bzw. (ab 1925) I.G. Farben tätig.
Kurz nach der Jahrhundertwende, im Alter von etwa 30 Jahren, begann er sich schriftstellerisch zu betätigen. 1906 veröffentlichte er die „Pfälzer Heimatspoesien. Ernste, besinnliche Gedichte in Hochdeutsch“. Seine erste Gedichtsammlung in pfälzischem Dialekt „Pälzer Bitzler – Humoristische Gedichte in Pfälzer Mundart“ erschien 1909 im Verlag von W. Marnet in Neustadt. 1913 entstand das Theaterstück „Verlowung im Pälzerwald. Ein Einakterstück in Pfälzer Mundart“. Es folgte 1920 das Buch „Pälzer Hausgemachte! Heitere Dichtungen in Pfälzer Mundart“ und vier Jahre später „Mer sollt‘s nit glawe! Heitere Pfälzer Mundartdichtungen“.
Durch seine Veröffentlichungen und Mundartvorträge wurde Karl Räder in den zwanziger Jahren vor allem im vorderpfälzischen Raum sehr populär und genoss bald großes Ansehen. 1928 wurde er in die „Odd Fellows-Loge“ aufgenommen, die sich Loge „Treue am Rhein“ nannte. Karl Räder gab später an, 1932 aus der Freimaurerloge ausgetreten zu sein. Seine Mitgliedschaft bezeichnete er als „Die größte Dummheit meines Lebens“. Im August 1930 Auf die Frage nach seiner früheren politischen Zugehörigkeit antwortete Karl Räder: „Gehörte keiner Partei an, aus Ekel vor dem Parlamentarismus“. Der NSDAP ist er offenbar nicht beigetreten. Er war seit 1933 - wie er 1939 selbst angab - „Förderndes Mitglied der SS“.
Unter dem Pseudonym Ernst Fröhlich verfasste er 1934 die fiktive Geschichte „Der Mitternachtsspuk im Museum zu Bad Dürkheim“, wo er eine ganze Reihe längst verstorbener Dürkheimer als dem NS-Regime zujubelnde Persönlichkeiten auftreten ließ. In den einleitenden Worten gab er seiner Freude darüber Ausdruck, dass die Pfalz „als Eckpfeiler, Grenze und Westmark des neuen großen Reiches die meisten nationalsozialistischen Stimmen bei der letzten grossen Wahl“ hatte. Den Text sandte er an das Dürkheimer Tageblatt, das die Veröffentlichung allerdings ablehnte.
Bei der offiziellen Feier zur Rückgliederung der Saar an das Deutsche Reich trug Karl Räder durch Vermittlung des Bürgermeisteramtes der Stadt Bad Dürkheim als Gruß der Vorderpfälzer zu Beginn des Jahres 1935 in Homburg ein Gedicht vor, in welchem es u.a. heißt:
So hat, Gott sei Dank, ehr Leut
Sich geännert jetzt die Zeit,
Seit der Führer, sieggewiß,
‘s Steuer hat erumgeriß‘!
Deutsch is wieder unser Saar
Urdeutsch, wie se immer war!
In dieser Zeit publizierte er seine Gedichte für das nationalsozialistische Blatt ‚NSZ-Rheinfront‘, wurde Mitarbeiter des 1935 gegründeten Reichssenders Saarbrücken, für den ihn der dortige Intendant, der 1905 in Lambsheim geborene Karl Mages, ein überzeugter Nationalsozialist und Intimus von Gauleiter Bürckel, offenbar bald nach dessen Gedichtvortrag in Homburg als freien Mitarbeiter gewinnen konnte.
Zur feierlichen Einweihung des Brunnenhauses Anfang Juli 1935 verfasste Karl Räder einen Prolog, der von einem BDM-Mädel vorgetragen wurde. Darin heißt es zum Schluss:
Mög‘ fördern es Neudeutschlands Kraft und Wehr
Dem Pfälzer Heimatland zu Nutz und Ehr.
Und wer daran geholfen, frei und frank,
Den sei gezollt heut schlichter, deutscher Dank!
Des Führers Geist umschlingt uns wie ein Band!
Hoch Heimat, Volk und Reich und Vaterland!
Auch beim Besuch von Reichsminister Goebbels in Bad Dürkheim Anfang Dezember 1935 ließ es sich Karl Räder nicht nehmen, ihn mit einem Gedicht in pfälzischer Mundart zu begrüßen. Es endet mit dem Vers: Unser Wein(n) schlagt zum Reich uns e sinnbildlich Band! Heil unserm Führer un Vaterland!
1937 ließ sich Karl Räder von Gustav Ernst eine künstlerisch gestaltete private Postkarte mit der „Räderklause“ im Mittelpunkt anfertigen. Sie zeigt im Vordergrund spielende Kinder, ein Junge schwenkt ein Fähnchen mit dem Hakenkreuz.
Im Oktober 1937 reiste Karl Räder zusammen mit seiner Frau in die USA, wo seine Tochter Gretel und sein Sohn Philipp lebten. Zweck der Reise, von der das Ehepaar Räder erst im Juli 1938 zurückkehrte, war aber auch, in den deutschen Clubs der USA pro-deutsche Reden zu halten.
Er trat auf bei Veranstaltungen des 1933 mit Unterstützung der NSDAP und organisatorischer Hilfe der deutschen Konsulate in den USA gegründeten „Bundes der Freunde des neuen Deutschland“, in der Folgezeit kurz „Bund“ genannt. Führende Nationalsozialisten waren der Meinung, die amerikanischen Ansichten über die Judenpolitik des neuen Deutschlands in ihr Gegenteil umkehren oder zumindest beeinflussen zu können.
Räders Ansprachen in den USA waren gespickt von antisemitischen Äußerungen und Lobpreisungen auf Adolf Hitler. Viele Deutsch-Amerikaner, so Räder in dem von ihm verfassten Text „Von der Erhaltung des Deutschtums in Nordamerika“, würden zu sehr „Unwahrheiten und Greuelmaerchen ueber Deutschland“ Glauben schenken. Er sprach von den „nach dem grossen Umbruch aus Deutschland nach U.S.A. eingewanderten und noch einwandernden antideutschen Emigranten arischer und nichtarischer Rasse“, die „als meist ausgesprochene Feinde und Hetzer gegen ihr Geburtsland“ hier auftreten. Die Deutsch-Amerikaner stünden „unter dem Dauertrommelfeuer der antideutschen, von Judenkapital inspirierten, amerikanischen Presse“. Die amerikanischen Zeitungen würden „oft unsichtbar unter Judadruck stehen“.
So sprach er im Mai 1938 vor einem großen Auditorium anlässlich des kurz zuvor erfolgten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich und zur Feier von Adolf Hitlers Geburtstag in einer vom „Bund“ organisierten Veranstaltung deutscher Einwanderer und Deutschstämmiger in der Germania-Halle des deutschen Turnvereins in San Diego. Die deutschsprachige Presse betonte, dass Karl Räders Rede mit viel Beifall aufgenommen worden sei. Den Anschluss stellte er als die folgerichtige Entwicklung der Geschichte beider Länder dar. „Im Gedenken an Hitlers Geburtstagsfeier“, so heißt es in der deutschsprachigen Presse, „kam Karl Räder wiederum zum Wort, und es war hier, daß er die Gemüter der Anwesenden aufs tiefste erschütterte und aufs höchste begeisterte, indem er mit wenigen aber trefflichen Worten ein Bild zeichnete von dem Manne, der Deutschland aus tiefster Not empor gerissen hat zu einer ungeahnten Höhe, Macht und Anerkennung“. Seine Ausführungen schloss Räder „mit einer, alle Herzen tief ergreifenden eigenen Dichtung an den Führer, wie sie nur der Seele eines echt deutschen Mannes entspringen kann.“ Räder kritisierte scharf, dass bei dieser Veranstaltung der Hausmeister der Germania-Halle das Abhängen der neben dem Sternenbanner aufgehängten Hakenkreuzflagge verlangte.
Nach seiner Rückkehr aus den USA bemühte er sich im Oktober 1938 um die Aufnahme in die „Reichsschrifttumskammer“, die ihren Sitz in Berlin hatte. Dabei erwähnte Räder, er sei in den USA „sehr oft in deutschen Vereinen“ aufgetreten, wo er „eigene deutsche Dichtungen im Sinne unseres neuen Reiches“ vorgetragen habe. Seinem Antrag legte er erneut den für die Aufnahme unerlässlichen arischen Nachweis bei.
Die Reichskulturkammer lehnte die Aufnahme Räders ab, wobei sie sich auf die Beurteilung des Hauptstellenleiters des Gau-Personalamtes der NSDAP bei der Gauleitung Berlin, vom 5. Januar 1939 bezog, der sich wiederum auf die Gauleitung Sar-Pfalz der NSDAP stützte: „Der Obengenannte ist Mitglied der NSV seit 1935. Vor der Machtübernahme war er Mitglied der Oddfellow-Loge und stand dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber. Lange Zeit konnte er sich nicht mit der nationalsozialistischen Revolution abfinden, auch der deutsche Gruß ging ihm auf die Nerven. Erst in letzter Zeit hat er sich mit den Dingen etwas abgefunden und sich eingefügt. Räder bezieht eine ansehnliche Pension von der I.G.Farbenindustrie Ludwigshafen. Es kann heute noch nicht angenommen werden, dass Räder sich rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat einsetzt.“
Offenbar waren der Gestapo Räders anbiedernden Gedichte verborgen geblieben oder man hat ihm seine das NS-Regime befürwortende Einstellung einfach nicht geglaubt.
Enttäuscht schrieb er am 30. Januar 1940 an die Reichsschrifttumskammer: „Wo gibt es einen Weg für einen begeisterten Alten, der kein Mitglied der Reichsschrifttumskammer mehr sein darf, der erst von 1932 ab Hitler begriff, aber zu bescheiden oder zu dumm war, vor der Machtübernahme beizutreten?“
Auch in seinen weiteren, an die Deutsch-Amerikaner gerichteten Gedichten pries Räder Adolf Hitler über die Maßen, z. B. im Mai 1939:
Ein jeder der aus U.S.A.
Jetzt kommt nach Großgermania,
Steht staunend starr und ist berückt
Von dem, was er erlebt, erblickt:
Von Schaffen, Säen, Ernten, Bauern,
Von Kraft, Begeisterung und Vertrauen,
Vom Geist der Ordnung, Zucht und Pflicht
Und grandioser Zuversicht
Zum Führer, der von Gott gesandt,
Hochriss das deutsche Vaterland,
Der kühn, genial, titanenhaft
Erschuf die Volksgenossenschaft
Als grosses Endzielresultat
Von Wille, Arbeit, Kampf und Tat!
Am Schluss dieses langen Gedichts ermahnt er die Deutsch-Amerikaner ihr „Deutschtum“ im Sinne des neuen deutschen Reiches zu bewahren:
Jedoch wenn Ihr Euch konzentriert,
Aufrafft und stark organisiert,
Den Kindern unsre Sprache lernt,
Und stolz Neu-Deutschland liebt und ehrt
Und abstraft den Bedientengeist,
Und Lug und Traug die Zähne weist,
Und nicht in Demut zieht den Hut
Vor fremder Parasiten-Brut:
Dann kann es sein, dass deutsches Wesen
Noch wird in U.S.A. genesen,
Und dass das deutsche Volk zuhaus
Kann stolz sein auf sein Deutschtum draus;
So stolz, wie Ihr an fernem Strand
Dürft sein aufs deutsche Vaterland!!
Im Frühjahr 1940 lud die „Betriebsgemeinschaft Dr. F. Raschig“ Karl Räder ein, Gedichtbeiträge in der Werkzeitung ihres Ludwigshafener Unternehmens zu veröffentlichen. Eilfertig sandte er daraufhin einige Kostproben an den Redakteur der Werkzeitung und bedankte sich in Gedichtform für diesen Auftrag. Am Ende dieses Gedichts schrieb er:
Den Vorschlag von gewünschten Themen
Würd‘ gerne ich entgegennehmen.
Glückauf dem Werk für jetzt und später!
Heil Hitler!
Ihr getreuer Räder
Zum 50jährigen Werksjubiläum verfasste er im September 1940 unter dem Titel „Das Vorbild des Gründers Dr. F. Raschig“ ein diese Persönlichkeit verherrlichendes Gedicht, wo es - nach den lobhudelnden Reimen auf Friedrich Raschig - am Ende heißt:
Und all wir Schaffgenossen, Hand in Hand,
Geloben uns im Jubiläums-Jahre
Ihm nachzueifern, treu im Werkverband.
So lang wir leben, bis zur fernen Bahre!
Wo jeder heiter mit vereinter Kraft,
Getreu im großen Werk an seiner Stelle,
Als Rad in den Betrieb gefügt, mitschafft,
Zu aller Volksgenossen Lebensquelle!
In diesem Geiste sind wir alle gleich.-
Siegheil dem Führer, Volk und Wehr und Reich!
Wie er selbst 1939 schrieb, trug er „hunderte von Prologen bei Nationalen Feiern“ vor.
Höhepunkt von Räders Hitler-Verherrlichung ist ein Gedicht, das den Titel trägt: „Zum 52. Geburtstage unseres Führers am 20. April 1941“:
Wenn wir „Heil Hitler“ rufen,
Geht‘s uns durch Mark und Bein.
Er ist das Herz Großdeutschlands,
Stark, edel, klug und rein!
Im Führer konzentrieren
Sich Deutschlands Macht und Ehr‘.
Er schuf die deutsche Einheit
Und Deutschlands stolze Wehr.
Sein Geist und seine Seele
Kreist tief in unserem Blut,
Und stählt die Volksgenossen
Zu Tat und Heldenmut.
Großdeutschland und sein Führer
Sind ein untrennbar Ich,
Und ruft er: „Volksgenossen!“
So meint er dich und mich!
Und wie man nicht kann scheiden
Von unserem Leib den Geist:
Gibts keine Macht auf Erden,
Die Deutschland von ihm reißt!
Wenn wir „Heil Hitler“ rufen,
Ist es ein heiß Gebet,
Daß mit ihm unser Deutschland
In Ewigkeit besteht.
Und wer ihm will ans Leben,
Der will auch unsre Not.
Drum sind wir ihm verschworen
In Treue bis zum Tod!
Auch Räders „Kriegslied“ „Was Deutschland nützt ist recht“, das mindestens zweimal, 1941 und 1944, in der Raschigschen Werkzeitschrift veröffentlicht wurde, offenbart eine bedingungslose Hingabe an das Reich Adolf Hitlers:
Es geht auf Tod und Leben,
Auf Leben oder Tod!
Da kann‘s nur eines geben
Als Deutschlands Grundgebot.
Zusammen muß sich reißen
Das lebende Geschlecht.
Der Schlachtruf muß jetzt heißen:
Was Deutschland nützt ist recht.
Es geht um Sein und Sterben,
Um Reich und Volk und Staat.
Um‘s Ganze oder Scherben.
Wir sind jetzt all‘ Soldat!
Für alle hat‘s gepfiffen
Das Reich ist nur geschützt,
Wenn jeder hat begriffen:
Recht ist, was Deutschland nützt!
Hell leuchtet Morgenröte
Uns rund am Horizont.
Laut ruft die Kriegstrompete
Großdeutschland an die Front.-
Wenn sie die Welt belügen,
Und machen Deutschland schlecht,
Der Glaube hilft uns siegen:
Was Deutschland nützt, ist recht!
Sie wollen uns zerschlagen.
Das stärkste Volk der Welt,
Wo jeder wie ein Hagen,
Getreu zum Führer hält!
Und stünd‘ die Welt in Flammen,
Wenn‘s donnert, kracht und blitzt.
Uns hält das „Muß“ zusammen!
Recht ist, was Deutschland nützt!
Viel Leid erfuhren Karl Räder und seine Familie durch den Kriegstod seines hoffnungsvollen Sohnes Siegfried, der als Pionier-Oberleutnant im Oktober 1942 in Afrika gefallen ist. Seinem Andenken widmete Karl Räder zwei im Januar 1943 entstandene Gedichte. In einem heißt es u.a.:
Er starb als Offizier
Dem Führer treu ergeben,
Damit in Zukunft wir
In Frieden können leben.
Nach der Niederlage Deutschlands entpuppte sich Karl Räder als Wendehals. So schrieb er am 20. April 1945 in seinem Tagebuch: „Ich persönlich war jahrelang gegen den absolutistischen Zwang gegen den Nationalsozialismus. Die Deklasierung der Menschen in Parteimitglieder und anderer 2. und 3. Klasse waren mir widerlich, weil ich in einer Loge gewesen bin, war ich anrüchig für die Nazis [...] Ich litt darunter jahrelang [...].“ Gegen Ende dieses Passus gab er immerhin zu, dass er „nach und nach diesen Einflüssen“ erlag „und verehrte den Führer, im Glauben, er sei der Erlöser und Retter des 3. Reiches.“ Auch in seinem Gedicht „Deutsche Trauerballade“, geschrieben in der Nacht zwischen dem 3. und 4. Juli 1945, musste sich Räder eingestehen:
Das Reich ist tot. Das Lied ist aus [...].
Das Volk belogen, verraten, betört
Ist schuldig an seinem Schicksal erklärt.
Des Führers despotischer Cäsarenwahn
Nahm keinen Ratschlag Erfahrener an.
Was er im Frieden geschaffen im Land,
Zerschlug er wieder mit eigener Hand [...]
Im gleichen Jahr (1945) erschien das Buch „Pälzer Duwak. Heitere, ernste und derbe Pfälzer Mundartdichtungen“. 1948 brachte Karl Räder das Büchlein „O Pfälzer Land, wie schön bist du! Ernste und heitere Pfälzer Heimat-Dichtungen“ heraus, mit Illustrationen von Gustav Ernst.
Nachdem 1950 die Limburg-Allee in „Karl-Räder-Allee“ umbenannt worden war, verlieh der Dürkheimer Stadtrat 1958 Karl Räder die Ehrenbürgerwürde. Er starb 96jährig am 26. Januar 1967 in einem Pflegeheim in Ludwigshafen und wurde in einem Ehrengrab der Stadt Bad Dürkheim bestattet.
1970, zum 100. Geburtstag Räders, gaben der Journalist Karl Heinz und der Mundartdichter Helmut Metzger als „Ehrengabe der Stadt Bad Dürkheim“ das „Karl-Räder-Buch“ heraus, zu dem Bürgermeister Mangold das Geleitwort schrieb. Von Karl Räders Engagement in der NS-Zeit ist dort erwartungsgemäß nichts zu lesen.
Lassen Sie mich abschließend auch noch etwas zu Karl Räders Freund, dem Winzermaler Gustav Ernst sagen. Zwar behauptete Hans Räder, der in London lebende Enkel Karl Räders, Ernst sei ein „absoluter Hitler-Gegner“ gewesen. Er habe, so wird Hans Räder in der „Rheinpfalz“ zitiert, „anscheinend schon lange vor dem Weltkrieg den schmählichen Ausgang vorhergesagt und nahm kein Blatt vor den Mund.“ Doch das ist nachweislich eine Legende, wie Clemens Jöckle in seinem Beitrag „Ja da horcht die ganze Welt auf! Die Tagebücher des Malers Gustav Ernst (1858-1945) als Beispiel der Banalität des Bösen“ belegen konnte. So schrieb Gustav Ernst zum Beispiel am 20. April 1939: „Heute ist der 50. Geburtstag unseres Führers. Gott erhalte ihn uns Deutschen noch recht lang.“ Auch antisemitische Äußerungen sind von ihm überliefert. Im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen 1942 schrieb er in seinem Tagebuch: „Wir stehen heute auch noch im Kampf in Afrika gegen eine Übermacht. Von der Insel England und nun auch noch gegen das übermütige Amerika. Auch diese verjudete demokratische Land will uns vernichten.“ Am 28. Juli 1944 findet sich folgender Eintrag in Gustav Ernst Tagebuch: „Der Jude kann so schön lügen, daß es einem leid tun kann, daß es nicht wahr ist.“32Dass Gustav Ernst „in der Person Hitlers ein göttliches Werkzeug sah“ (Jöckle), zeigt sich auch in dem ihm zum 85. Geburtstag 1943 von Karl Räder gewidmeten Sonett: „Und gläubig auf zum Führer schweift Dein Blick, Gewiß, daß Gott in ihm sich offenbare!
Nach dem, was ich in Karl Räders Gedichten, in seinen Anträgen an die Reichsschrifttumskammer und in seinem Text „Von der Erhaltung des Deutschtums in Nordamerika“ gelesen habe, steht für mich fest: Karl Räder war zweifelsfrei ein Propagandist des NS-Regimes, auch wenn er offiziell kein Mitglied der NSDAP war. Man musste nicht unbedingt Parteimitglied sein, um die menschenverachtende Politik Hitlers zu unterstützen. Auch Hans Globke, unter Adenauer von 1953 bis 1963 Leiter des Bundeskanzleramtes, einer der Autoren der Rassegesetze von 1935, gehörte nicht der NSDAP an!
Karl Räder hat sich nachweislich bis 1944 dem NS-Staat angebiedert. Niemand hatte ihn dazu gezwungen! Und noch etwas: Es kann Karl Räder nicht verborgen geblieben sein, dass die Dürkheimer Juden seit 1933 drangsaliert, verfolgt und verschleppt worden sind, Menschen, die ihm seit seiner Kindheit vertraut waren. Plötzlich wurden sie wie Aussätzige behandelt. Dass Karl Räder nichts zu ihrer Rettung getan hat, mag man ihm nicht vorwerfen. Das haben die meisten „arischen“ Deutschen nicht getan. Aber Karl Räder wusste sehr wohl um die Verdienste jüdischer Dürkheimer wie Rosa Maas und Ludwig Strauß. Sich dann abfällig über Juden allgemein zu äußern, lässt ihn in meinen Augen zumindest nicht gerade als Menschenfreund erscheinen.
Im Ergebnis zeigt sich, dass die Benennung der Straße unangemessen ist und nicht beibehalten werden soll. Der Kulturausschuss empfiehlt dem Stadtrat daher folgende Straßenumbenennungen:
Karl-Räder-Allee in Anna-Bergner-Allee


