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Nicht wir

Von "Karl-Räder-Allee"

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Bei einer Umbenennung der Karl-Räder-Allee und der Maler-Ernst-Straße stimmte nach meinem Gefühl die Verhältnismäßigkeit nicht. Auch im Vergleich etwa zu Philipp Fauth, der von Antisemitismus durchdrungen war. Ohne die Nähe zu den Nationalsozialisten würde man wohl über seine Hirngespinste nur bedauernd bis fassungslos den Kopf schütteln. So aber war er in meinen Augen Bestandteil der Ideologie und damit Teil des NS-Systems, wenn auch ohne sich selbst eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben. (An dieser Stelle einmal besten Dank an alle Beteiligten für die umfassende Dokumentation als Basis einer weitestgehend sachlichen Debatte, auch bei der Versammlung im Dürkheimer Haus.)

Räder und Ernst dagegen waren kleine Leute, kleinste Lichter. Sie waren keine Kriegsverbrecher und keine Massenmörder, sie gehörten nicht dem Partei- oder Vernichtungsapparat an wie andere, die nach dem Krieg plötzlich zu „lupenreinen“ Demokraten mutierten und höchste öffentliche Ämter bekleideten. Es findet sich – anders als bei Fauth – weder Beleg noch Indiz, dass Räder oder Ernst überhaupt Mitglied in der NSDAP, geschweige denn in der SS gewesen wären. Ja, im juristischen Sinne haben sie nicht einmal Unrecht begangen.

Natürlich ist beider Denkweise aus heutiger Sicht zu verurteilen. Aber nach jeder Wahl muss ich mir im Fernsehen sagen lassen, dass unsere Demokratie eine Frau Weidel, eine Frau von Storch und selbst einen unsäglichen Herrn Höcke mit ihrem „Gedankengut“ und ihren Äußerungen ertragen muss. Ich tue dies zähneknirschend und unter Übelkeit. Dann aber, so sage ich, muss unsere Demokratie auch einen Räder und einen Ernst ertragen. In meinen Augen waren es nichts weiter als fehlgeleitete alte Männer, die lediglich „verbrochen“ haben, dass sie einem Blender, einem (Größen-)Wahnsinnigen, einem Verbrecher aufgesessen sind, weil sie ihn wie Abertausende ihrer Landsleute zunächst für einen „Heilsbringer“ hielten. Genau so, wie wir es heute, da die Welt aufgeklärter und wissender ist als die Menschen damals, bei Abertausenden von Trumpisten in den USA beobachten müssen.

Und wir selbst? Auch wir haben uns doch – in anderer Form – von einem täuschen lassen, der sich als Blender, Größenwahnsinniger, (Kriegs-)Verbrecher herausgestellt hat, der gleichsam eine ganze Nation und deren Kultur ausradieren will. Wir haben ihn schon vor Jahren tatenlos gewähren lassen, als er in Georgien, auf der Krim und im Donbas unsere höchsten Werte mit Füßen trat. Und seit einem Jahr zahlen wir weiter in seine Kriegskasse mit ein, weil uns unsere Bequemlichkeit und unser Wohlstand wichtiger sind. Aus dem gleichen Grund biedern wir uns einem autoritären Herrscherstaat an, auf den wir zugleich naserümpfend mit dem Finger zeigen.

Und da wollen wir uns anmaßen, im Nachhinein moralisch über Gustav Ernst und Karl Räder zu urteilen?

Stichwort Vorbildfunktion. Während ein führender Repräsentant unserer Demokratie kürzlich Kriegsflüchtlinge als „Sozialtouristen“ verunglimpft hat, hat Karl Räder seinen bettelarmen Freund Gustav und dessen Frau damals wie selbstverständlich in seiner kleinen Klause aufgenommen und sie durchgefüttert.

Die – zugegeben – Äpfel-Birnen-Vergleiche wollen sagen: Irren ist menschlich, und der Mensch ist schwach. Räders und Ernsts Einstellung zu Hitler und Judentum ist verwerflich und verabscheuungswürdig. Wir können jedoch sagen, wir haben sie entlarvt, und wir stellen sie bloß. Aber wir sollten in der Abwägung und bei der Gesamtbewertung ihrer Person tolerant genug sein, ihr künstlerisches Schaffen höher zu schätzen. Womöglich haben sie ja bereut und wir wissen es nicht? Lassen wir den Seelen ihre letzte Ruhe. Räder und Ernst haben sich durch das, was man heute von ihnen weiß, selbst eines Teils ihres Ansehens und ihrer Ehre beraubt. Sie posthum noch gänzlich zu "entehren", würde sie ihrer Würde berauben. Dazu haben wir kein Recht.

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