Gnade gewähren
Von "Karl-Räder-Allee"
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Sehr geehrte Stadtverwaltung,
ein Gedanke noch zur Bürgeranhörung am 19.01.: als Antwort auf
die Kritik der Urenkelin von Räder, Ingrid Bauer, dass er - der Gutachter
Roland Paul - die Reue durch Räder nach dem Ende der Nazizeit mit "er sei
ein Wendehalts" bezeichnet hatte, antwortete Paul, Räder hätte doch
zumindest mal ein "judenfreundliches Gedicht" schreiben können. Dies
geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Nachdem Räder nach 1930, als er noch zur
Goldenen Hochzeit eines jüdischen Loggenbruders ein Gedicht geschrieben hatte,
hat er durchaus eine negative Entwicklung hinsichtlich seiner Einstellung zu
Juden durchgemacht und sich auch entsprechend antisemitisch geäußert. Ich
vermute, dass die antisemitische Propaganda durch das
Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels, die Tag ein Tag aus auf die
Bevölkerung niederprasselte (man denke nur mal an den Kinofilm "Jud
Süß"), bei ganz vielen Menschen seine Wirkung entfaltete, auch bei Räder.
Nun hat der Gutachter Paul das persönliche Recht, Räder seine Reue nach dem
Krieg nicht abzunehmen und ihn als "Wendehals" zu bezeichnen. Ich
verstehe dann aber nicht, was ein "judenfreundliches Gedicht", wie
auch immer man sich so eines vorstellen sollte, an dieser negativen Einstellung
von Paul geändert hätte: es liegt doch gerade auf der Hand, dass dann von Paul
der Vorwurf an Räder gekommen wäre, dass er ein "Heuchler" sei, wenn
er jetzt versuche "judenfreundliches" von sich zu geben.
Ich fragte Roland Paul auf der Bürgeranhörung vor diesem
Hintergrund, ob er sich nicht vorstellen könne, dass Menschen sich nicht ändern
können und eine zweite Chance verdient hätten. Als Bsp. nannte ich Omid
Nouripour, der als ehemaliger Antisemit heute einer der beiden Bundesvorsitzenden
der Grünen ist. Ein Mann, der es nach seinen eigenen Worten geschafft hat, „den
Antisemitismus aus meinem Kopf zu bekommen“, nachdem er die ersten dreizehn
Jahre seines Lebens im Iran aufwuchs und den dort üblichen Judenhass im Kindergarten
und Schule vermittelt bekam. Er hat in Deutschland viele Jahre gebraucht, sich
davon zu lösen, und gerade deshalb vertritt er heute für mich glaubhaft sein
Eintreten gegen Antisemitismus, egal von welcher Seite er kommt. Diesem Mann
nimmt man zu Recht ab, dass er sich geändert hat, er hat die zweite Chance bekommen
und genutzt. Ich frage mich aber, warum gerade die Leute aus seiner Partei,
aber auch Herr Paul, dann hier in Dürkheim so unerbittlich und mit aller Härte
unsere drei Straßennamengeber verurteilen, die in ganz anderen Zeiten als ein
Herr Nouripour klarkommen mussten. Ja, „Gnade gewähren“, dieser schon häufig hier
geäußerte Gedanke der Familie Räder ist offenkundig nicht jedem gegeben.
Mit freundlichen Grüßen
Uli Martin
