Faire Beurteilung?
Von "Karl-Räder-Allee"
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Sehr geehrte Stadtverwaltung, vorab: auch ich teile die Auffassung unseres Mitbürgers Herr Dr. Fallot-Burghardt, dass es angemessen wäre zu wissen, mit wem man es hier von Seiten der Stadtverwaltung zu tun hat. Wohl mit der Leiterin des Stadtmuseums, Fr. Dr. Hallmann-Preuss, richtig?
Sie haben mir geantwortet „Unklar ist uns, was Sie damit meinen, dass die "damaligen Verhältnisse" ausgeblendet würden.“ Dies werde ich Ihnen bei allen drei Straßennamengebern erläutern.
1. Räder wurde 1870 geboren, er hat nur Kaiserzeit, ersten Weltkrieg sowie die Weimarer Republik mit Massenarbeitslosigkeit, Vermögensvernichtung breiter Schichten der Bevölkerung durch Inflation, Bürgerkrieg zwischen den braunen und roten Faschisten und die schikanöse Besetzung der Pfalz durch französische Truppen erlebt. Männer seiner Generation haben nie Demokratie wie wir heute erlebt. All das lässt der Gutachter Paul einfach unter den Tisch fallen und legt bei der Bewertung von Räder heutige Maßstäbe zu Grunde.
Der Gutachter Roland Paul wirft Räder vor, dass er auf einer USA-Reise 1937/38, als er seine Kinder besuchte, „pro-deutsche“ Reden hielt. Mal ganz abgesehen davon, dass Räder nicht in die USA reiste, um dort Propaganda für die Nazis zu verbreiten, sondern seine Kinder zu besuchen, die dort lebten: Hätte Räder wissen sollen, was nach 37/38 kam? Reichskristallnacht Nov. 38, Kriegsbeginn 1939, Berliner Wannseekonferenz Jan. 1942, Judenvernichtung ab 1942. All das konnte doch niemand voraussehen. Selbst viele deutsche Juden haben leider bis zur Reichskristallnacht im Nov. 38 gehofft, dass das Naziregime seine restriktive Politik noch ändere und sind nicht ausgewandert, als es noch möglich war! Dazu die Olympischen Spiele 1936 in Berlin: die Welt war zu Gast in Nazideutschland, viele sagten: so schlimm kann es bei uns doch nicht sein.
2. Räder war ein Mann der Öffentlichkeit: er konnte sich nicht wie viele andere Menschen, die als Buchhalter, Banker, Handwerker etc. arbeiteten, während den Nazijahren ins Privatleben zurückziehen. Er war nicht Mitglied der NSDAP. Seine Aufnahme in die Reichskulturkammer wurde abgelehnt, weil „heute noch nicht angenommen werden kann, dass Räder sich rückhaltlos für den NS-Staat einsetzt“ (Zitat aus der Ablehnung).
3. Räder hat nie jemanden aus ideologischen Gründen geschädigt.
4. Der Antisemitismus damaliger Zeit, aus dem Mittelalter kommend, ist nicht zu entschuldigen; dies hat Räder aber nicht davon abgehalten, im August 1930 ein Gedicht zur Goldenen Hochzeit seines jüdischen Logenbruders Ludwig Strauß zu verfassen.
5. Millionen Deutsche wollten nach dem Krieg nichts mehr davon wissen, dass Sie Hitler unterstützt hatten, „nein, wir waren keine Nazis“, es fand ein unglaublicher Verdrängungsprozess statt. Räder dagegen stand im Gegensatz dazu, dass er jahrelang Vertrauen in die Politik Hitler hatte. Dies hat er in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht:
„Das Reich ist tod. Das Lied ist aus … .
Das Volk ist belogen, verraten, betört.
Ist schuldig an seinem Schicksal erklärt.
Des Führers despotischer Cäsarenwahn
Nahm keinen Ratschlag Erfahrener an.
Was er im Frieden geschaffen im Land, zerschlug er wieder mit eigener Hand … .“
Was macht Gutachter Paul daraus? Räder wäre ein „Wendehalts“. Hmh, was für eine Bewertung!
Übrigens machte mich Reinhold Höhn, der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins Hardenburg auf folgendes aufmerksam: die Männer aus der Generation Räder haben nicht gelernt, sich zu entschuldigen, wie es heute in unserer Entschuldigungskultur üblich ist. Man denke an unseren Nobelpreisträger Günter Grass, der es nicht schaffte, sich zu seiner SS-Mitgliedschaft als Siebzehnjähriger offen zu bekennen. Andere Zeiten, andere Sitten.
Die Bewertung des Gutachters ist unangemessen und voreingenommen, weil es Räder auf seine Zeit in der Diktatur reduziert; dies wird dem Wirken und Tun seines 96-jährigen Lebens nicht gerecht.
So geht man nicht mit Geschichte um; daher plädieren wir als Bürgerbewegung für die Straßenbeibehaltung mit einem Zusatzschild „Info zur Nazizeit“ sowie QR-Code. So wird Geschichte für kommende Generationen bewahrt!
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Martin
